Trockenmauern, Hirtenwege und Transhumanz
Wie Steinhütten und Wege eine Kulturlandschaft formten, was Transhumanz bedeutet und wie sich Etappen auf einem Fernwanderweg planen lassen.
Von der Redaktion Uferzeit Veröffentlicht am Lesezeit 5 min
Steinhütten und Wege sind keine Kulisse, sondern das Ergebnis jahrhundertelanger Weidewirtschaft. Wer heute über einen Fernwanderweg geht, folgt oft einer alten Transhumanz-Route, die von Trockenmauern, Pferchen und Steinbauten gesäumt wird. Etappen plant man am besten entlang dieser überlieferten Linien, mit klaren Tageszielen und Rücksicht auf Wasserstellen.
Wer sich für die Wege der Transhumanz interessiert, stösst früher oder später auf alte Ansichtskarten, die Hütten, Pässe und Viehtriebe zeigen. Die Beschäftigung damit heisst Philokartie und umfasst topografische, thematische und lokale Gebiete. Eine Sammlung beginnt mit wenigen Karten aus der eigenen Region, die man nach Motiven ordnet. Das Erkennen und Datieren stützt sich auf Stempel, Verlagsangaben und Papierqualität. Hinweise zum Aufbewahren einer Sammlung und zur zeitlichen Einordnung hat die Redaktion von UFERZEIT in einer Notiz zusammengestellt.
Wie haben Steinhütten die Landschaft geformt?
Trockenmauern und Steinhütten entstanden dort, wo Weidetiere und Menschen Steine aus dem Boden lesen mussten, um Acker- und Weideflächen zu gewinnen. Das Material blieb vor Ort und wurde ohne Mörtel geschichtet. So entstanden Terrassen, Einfriedungen und einfache Unterstände, die Erosion bremsen, Wärme speichern und Kleinstlebensräume für Eidechsen, Insekten und Moose bieten. In vielen Mittelgebirgen und im Mittelmeerraum sind diese Bauten bis heute das sichtbarste Zeichen einer bäuerlichen Kulturlandschaft. Sie zeigen, wie eng Bodenbearbeitung, Viehhaltung und Siedlungsform zusammenhängen.
Ein vergleichbares Zusammenspiel von Geologie, Weidewirtschaft und gebautem Erbe findet sich im Süden Frankreichs. Der Jas du Luberon beschreibt in französischer Sprache den Massif du Luberon mit seinen Bories, den Stein-Jas, der Abbaye de Sénanque und den Dörfern Bonnieux, Roussillon und Gordes. Dort wird deutlich, dass Trockenmauern nicht nur Grundstücksgrenzen waren, sondern Werkzeuge einer ganzen Wirtschaftsweise. Wer die Logik dieser Bauten einmal verstanden hat, liest auch am Bodensee oder im Zürcher Oberland die Landschaft anders: Jede Mauer erzählt von einer Nutzung, die ohne Zäune und ohne Maschinen auskam.
Was bedeutet Transhumanz?
Transhumanz bezeichnet den saisonalen Wechsel von Herden zwischen verschiedenen Weidegebieten, meist zwischen Tieflagen und Bergweiden. Der Begriff stammt aus dem Französischen und beschreibt eine Form der mobilen Viehhaltung, bei der Hirten mit Schafen, Ziegen oder Rindern regelmäßig zwischen Winter- und Sommerweiden pendeln. Im Unterschied zur Nomadisierung ist bei der Transhumanz ein fester Wohnsitz der Hirtenfamilien üblich; nur ein Teil der Gruppe zieht mit den Tieren.
Die Wege, die dabei entstehen, heißen in Frankreich Drailles, in Spanien Cañadas, in Italien Tratturi. Sie sind oft mehrere Meter breit, weil die Herden sie über Generationen ausgetreten haben. Entlang dieser Routen liegen Pferche, Brunnen, Unterstände und eben jene Steinhütten, in denen Hirten übernachteten. Transhumanz prägt damit nicht nur die Vegetation, sondern auch das Recht: In vielen Regionen sind diese Wege als Weidewege geschützt, selbst wenn heute keine Herde mehr zieht.
Für Wanderer ist das wichtig, weil Transhumanz-Routen häufig zu Fernwanderwegen wurden. Sie verlaufen logisch, folgen Wasser und Passübergängen und verbinden Dörfer, die sonst abgelegen wären. Wer auf einem solchen Weg geht, bewegt sich also auf einer historischen Infrastruktur, nicht auf einer touristischen Erfindung.
Wie plant man Etappen auf einem Fernwanderweg?
Die Planung beginnt mit der Frage, wie viel Höhenmeter und wie viel Wegstrecke pro Tag realistisch sind. Als Faustregel gelten für gemütliches Gehen 300 bis 500 Höhenmeter im Aufstieg und 12 bis 18 Kilometer Länge, je nach Gepäck und Gelände. Wer zum ersten Mal auf einem Fernwanderweg unterwegs ist, sollte eher kürzer planen und einen Reservetag einbauen.
Dann folgt die Etappenlogik. Gute Tagesziele liegen an Orten mit Übernachtung, Wasser und Einkauf, also in Dörfern oder an Hütten. Zwischen diesen Punkten sucht man keine maximalen Distanzen, sondern sinnvolle Abschnitte: ein Pass, ein Tal, ein Kloster, eine Brücke. So entstehen Etappen, die sich auch bei Wetterwechsel oder Müdigkeit noch anpassen lassen.
Wichtig ist die Versorgung. Auf alten Hirtenwegen gibt es oft keine Läden und keine Brunnen mit Trinkwasser. Pro Person und Tag sollten mindestens zwei Liter Wasser eingeplant werden, bei Hitze mehr. Wer im Mittelmeerraum wandert, plant die Etappen früh am Morgen und vermeidet die Mittagshitze. In den Alpen und Voralpen ist der Nachmittag oft gewittrig, also lieber vor 14 Uhr am Tagesziel sein.
Schließlich gehört die Rückfahrt dazu. Bahn- und Busverbindungen in den Tälern sind oft dünn, besonders am Wochenende. Wer Etappen plant, prüft am besten zuerst die Anreise und die Rückreise und legt danach die Tagesetappen fest. Das klingt umständlich, spart aber unterwegs viel Zeit und Unsicherheit.
Welche Rolle spielen Hütten und Pferche für die Orientierung?
Steinhütten und Pferche sind mehr als Überreste. Sie markieren Übergänge, Wassernähe und alte Rechtsgrenzen. In vielen Regionen stehen sie an Stellen, die aus Weidesicht ideal sind: windgeschützt, nahe an Quellen, mit Blick auf die Herde. Für Wanderer sind sie deshalb verlässliche Orientierungspunkte, auch wenn kein Schild steht.
Wer eine Karte liest, erkennt diese Struktur oft an der Häufung von Flurnamen und an Wegen, die in sanften Bögen verlaufen statt gerade. Solche Bögen sind ein Hinweis auf alte Viehtriebe. Wer ihnen folgt, kommt meist leichter voran als auf direkt geschnittenen Forststraßen.
Wie liest man eine Kulturlandschaft beim Wandern?
Kulturlandschaft lesen heißt, nach Spuren der Nutzung zu suchen. Trockenmauern zeigen, wo Flächen terrassiert oder eingefriedet wurden. Einzelbäume mit breiter Krone deuten auf ehemalige Weideflächen, auf denen Verbiss die Verjüngung verhindert hat. Feuchte Senken mit dichtem Bewuchs markieren Quellen oder alte Tränken.
Auch die Tierwelt erzählt. Wo Herdenschutzhunde arbeiten, ist der Weg anders zu gehen: Abstand halten, nicht rufen, nicht füttern, die Herde weiträumig umgehen. Diese Regeln gehören zur Transhumanz dazu, denn ohne die Hunde wäre die Weidewirtschaft in wolfsreichen Gebieten kaum möglich.
Wer so unterwegs ist, wandert nicht durch eine Landschaft, sondern durch eine Geschichte von Arbeit, Tier und Stein. Das macht Etappen langsamer, aber auch aufmerksamer.
Was bedeutet das für die Planung am Bodensee und in der Zürcher Region?
Auch zwischen Bodensee und Zürichsee gibt es Reste von Trockenmauern, Weidgängen und alten Viehtrieben. Sie sind kleiner als im Mittelmeerraum, folgen aber derselben Logik. Wer hier Etappen plant, kann dieselben Prinzipien anwenden: kurze Tagesziele, Wasser mitnehmen, Rückwege prüfen, Respekt vor Weidetieren.
Der Blick auf andere Regionen hilft dabei. Wer versteht, wie im Luberon Bories, Drailles und Transhumanz zusammenhängen, erkennt die eigenen Wege genauer. Die Landschaft wird lesbarer, und aus einer Wanderung wird eine Begehung mit Kontext.