Ansichtskarten als Quelle: erkennen, datieren, bewahren
Wie man alte Ansichtskarten erkennt, datiert und aufbewahrt, welche Sammelgebiete die Philokartie kennt und wie sich ein kleines Budget sinnvoll einteilen
Von der Redaktion Uferzeit Veröffentlicht am Lesezeit 5 min
Alte Ansichtskarten sind mehr als Grußkarten: Sie zeigen Strassen, Häuser und Landschaften, die oft nicht mehr existieren, und tragen auf der Rückseite Datum, Stempel und Verlagsangaben. Wer sie als Quelle nutzt, kann Ortsgeschichte nachvollziehen, ohne ins Archiv zu fahren. Entscheidend sind drei Schritte: das Blatt genau ansehen, es in die Zeit einordnen und es so lagern, dass die Informationen erhalten bleiben.
Wer eine Ansichtskarte datieren will, achtet auf die Art der Herstellung: Messing wurde gegossen, getrieben, gedreht und poliert, Glas vor der Lampe oder in der Form geblasen, Ton geschlagen, geformt und gebrannt, jeweils in getrennten, oft generationenalten Werkstätten. Die Patina verrät dabei mehr als das Alter: Sie zeigt, wie ein Objekt benutzt, getragen und aufbewahrt wurde, welche Stellen Hände und Licht berührt haben. Solche Stücke werden in Museen meist in Vitrinen mit gedämpftem Licht gezeigt, damit die Oberfläche nicht weiter altert. Wer sich für die Grundlagen interessiert, findet bei Objekte im Museum eine redaktionelle Notiz zu Messing, Glas und Ton.
Was ist Philokartie und welche Gebiete kennt sie?
Philokartie ist die Sammelleidenschaft für Ansichtskarten, nicht zu verwechseln mit Philatelie, der Briefmarkenkunde. Der Begriff stammt aus dem Griechischen und bezeichnet die Beschäftigung mit gedruckten Orts- und Motivansichten. Die verschiedenen Gebiete der Philokartie reichen von topografischen Karten einzelner Dörfer über Motivserien bis zu Karten mit Stempeln und Postweg. In Tschechien und der Slowakei ist die Tradition eng mit der Filokartie verbunden, die dort seit dem 19. Jahrhundert gepflegt wird.
Die wichtigsten Sammelgebiete lassen sich grob ordnen:
- Topografie: Ansichten einzelner Orte, Strassen, Plätze, Bahnhöfe, Kirchen.
- Motive: Schiffe, Berge, Trachten, Tiere, Blumen, Weihnachten.
- Verlage und Serien: Karten eines bestimmten Verlags, nummerierte Reihen.
- Postgeschichte: Stempel, Laufwege, Feldpost, Ganzsachen.
- Ereignisse: Ausstellungen, Messen, Katastrophen, Jubiläen.
Wer mit einem Ort beginnt, hat es leichter: Der Bestand ist überschaubar, und jede Karte lässt sich mit einer Quelle vor Ort vergleichen. Motivsammlungen sind billiger, topografische Karten aus kleinen Gemeinden dagegen oft teuer, weil sie selten angeboten werden.
Wie beginnt man eine Sammlung alter Ansichtskarten?
Der Einstieg beginnt nicht mit dem Kauf, sondern mit einer Frage: Was soll die Sammlung zeigen? Ein Heimatort, eine Ferienregion, ein Berufsfeld oder eine Zeitepoche. Wer das festlegt, kauft gezielter und gibt weniger Geld für Zufallsfunde aus.
Danach folgt die erste Sichtung. Auf Flohmärkten, in Antiquariaten und auf Online-Auktionen liegen Karten oft in Schachteln. Für den Anfang genügen zehn bis zwanzig Stück, an denen man das Lesen lernt. Wichtig ist, die Rückseite nicht zu übersehen: Sie trägt häufig das Datum, den Stempel und den Namen des Verlags.
Ein einfaches Vorgehen für die ersten Wochen:
- Ort festlegen: eine Gemeinde oder ein Stadtviertel auswählen.
- Zeitraum eingrenzen: etwa 1890 bis 1930, die Blütezeit der Ansichtskarte.
- Belege sammeln: nicht nur schöne Motive, sondern auch beschriebene und gestempelte Stücke.
- Notieren: Fundort, Preis, Datum und Auffälligkeiten in ein Heft schreiben.
- Vergleichen: dieselbe Ansicht in verschiedenen Ausgaben suchen.
So entsteht aus wenigen Karten eine kleine Dokumentation, die sich später auswerten lässt. Wer nur nach Optik kauft, bereut das häufig, weil beschädigte oder nachgedruckte Stücke den Wert einer Sammlung mindern.
Wie erkennt und datiert man alte Karten?
Die Datierung stützt sich auf mehrere Merkmale, die sich gegenseitig prüfen. Kein einzelnes Zeichen genügt.
Papier und Format: Frühe Karten sind oft auf dünnem Karton gedruckt, später auf stärkerem Papier. Das Standardformat der Deutschen Reichspost war ab 1872 etwa 9 x 14 Zentimeter, später setzte sich das Format 10,5 x 14,8 Zentimeter durch. Abweichungen deuten auf spätere Ausgaben oder auf Karten anderer Länder hin.
Rückseite: Bis in die 1900er Jahre war die Rückseite meist nur für die Adresse reserviert, der Text stand auf der Bildseite. Erst nach und nach wurde die geteilte Rückseite üblich, mit Platz für Adresse und Nachricht. Eine geteilte Rückseite spricht daher für eine Entstehung nach etwa 1900.
Stempel und Postweg: Ein lesbarer Stempel liefert das genaueste Datum. Auch Bahnpoststempel, Feldpoststempel und Zensurvermerke sind Hinweise. Fehlt der Stempel, bleibt die Karte undatiert.
Verlag und Nummer: Viele Karten tragen am Rand den Verlagsnamen und eine Nummer. Seriennummern lassen sich mit Verlagsverzeichnissen vergleichen. Häufige Verlage des Bodenseeraums und der Schweiz waren unter anderem Gebrüder Künzli, Photoglob und verschiedene lokale Buchhandlungen.
Drucktechnik: Lithografie, Lichtdruck und später Offsetdruck unterscheiden sich in Farbigkeit und Raster. Ein sehr sauberer, farbiger Druck kann auf eine spätere Reproduktion hindeuten.
Warnzeichen: Nachdrucke erkennen Laien oft an zu weissem Papier, an fehlender Prägung, an unscharfen Rändern oder an einer Rückseite, die nicht zur Vorderseite passt. Wer unsicher ist, vergleicht mit datierten Stücken derselben Serie.
Wie bewahrt man Ansichtskarten richtig auf?
Karten sind empfindlich gegen Licht, Feuchtigkeit und Säure. Für die Aufbewahrung gelten einige einfache Regeln.
- Säurefreie Hüllen: Klarsichthüllen aus Polyethylen oder Polypropylen, keine Weichmacher enthalten.
- Nicht kleben: Kein Klebeband, keine Klebepunkte, keine Büroklammern.
- Lichtarm lagern: Alben in Schränken, nicht an der Wand mit direkter Sonne.
- Klima stabil halten: Schwankungen vermeiden, Keller und Dachboden sind meist ungeeignet.
- Senkrecht stellen: Grosse Bestände in Boxen, damit die Karten nicht aufliegen.
- Digital sichern: Vorder- und Rückseite scannen, mit Ortsname und Datum beschriften.
Wer Karten aus einem Album löst, sollte das nur tun, wenn es nötig ist. Alben aus den 1920er Jahren sind selbst Zeugnisse und oft wertvoller als die einzelnen Karten.
Wie teilt man ein Budget für eine Sammlung ein?
Ein kleines Budget lässt sich planen, wenn man drei Töpfe trennt.
Erwerb: Der grösste Teil, etwa die Hälfte. Für den Anfang genügen 20 bis 50 Euro im Monat. Seltene topografische Karten kosten mehr, Motivkarten weniger.
Material: Hüllen, Boxen, Albumblätter. Rund ein Viertel des Budgets. Gute Hüllen kosten wenig, sparen aber später viel Ärger.
Fachliteratur und Gebühren: Kataloge, Verlagsverzeichnisse, Auktionsgebühren, Versand. Das restliche Viertel.
Ein Beispiel: Bei 40 Euro im Monat gehen 20 Euro in den Erwerb, 10 Euro in Material, 10 Euro in Literatur und Versand. Wer grössere Anschaffungen plant, legt monatlich einen Betrag zurück, statt spontan zu kaufen. Wichtig ist, den Preis pro Karte im Blick zu behalten und nicht nach Gefühl zu bieten.
Was macht eine Karte zur Quelle?
Eine Ansichtskarte wird zur Quelle, wenn sie sich verorten lässt. Dazu gehören Ort, Datum, Verlag und, wenn möglich, der Anlass. Beschriebene Karten erzählen zusätzlich vom Alltag: Grüsse, Reisen, Krankheiten, Feste. Für die Ortsgeschichte sind sie oft die einzige bildliche Überlieferung eines abgebrochenen Gebäudes.
Wer Karten als Quelle nutzt, sollte die Herkunft dokumentieren. Ein kurzer Eintrag genügt: wo gekauft, wann, für wie viel, welche Auffälligkeiten. So bleibt die Sammlung nachvollziehbar, und jede Karte behält ihren Wert, auch wenn sie unscheinbar wirkt.